
Kaum ein Projekt ist so sichtbar und so wiederkehrend wie das Oktoberfest, aber heuer stand es kurz vor der Aufbau-Phase fast auf der Kippe. Wir werfen einen Blick hinter die Kulissen des Superprojekts Wiesn.

Kaum ein Projekt ist so sichtbar und so wiederkehrend wie das Oktoberfest, aber heuer stand es kurz vor der Aufbau-Phase fast auf der Kippe. Wir werfen einen Blick hinter die Kulissen des Superprojekts Wiesn.
Dank den Bauarbeiten an den U-Bahn Stationen Poccistraße und Goetheplatz radle ich seit Monaten an der Theresienwiese vorbei und bekomme quasi jeden Morgen ein Echtzeit-Update zum Aufbau der Wiesnzelte und Fahrgeschäfte. Heuer startete alles einen Ticken später als in den Jahren zuvor, denn: es sah kurz so aus, als ob das Oktoberfest 2026 nicht stattfinden können würde. Was kurzzeitige Schnappatmung und erhöhten Adrenalinspiegel nicht nur am Stammtisch sondern vermutlich auch in der Stabsstelle Veranstaltungen des Münchner Referats für Arbeit und Wirtschaft hervorrief, war eine Klage hinsichtlich der Vergabe der großen Festzelte - im Projektmanagement-Jargon würde man von Eskalation sprechen.
Nach heutigem Stand steht der Eröffnung der 191. Wiesn am 19. September durch den Münchner Oberbürgermeister Dominik Krause um Punkt 12 Uhr im Schottenhamel Festzelt nichts im Weg. Mit einem lauten "O´Zapft is!" darf auf den erfolgreich erreichten Meilenstein "Wiesn-Eröffnung" angestoßen werden.
Der Meilenstein "Eröffnung" ist nicht der erste und nicht der letzte in diesem Projekt. Die zuvor erfolgreich abgeschlossene Phase des Vergabe- und Beschaffungsprozesses brachte 954 Bewerbungen, von denen 478 Betriebe für das 34,5 Hektar große Festgelände zugelassen wurden: 36 gastronomische Betriebe, 243 Schausteller und 182 Marktkaufleute und Servicebetriebe. Hinzu kommen 109 Bewerbungen für die Oide Wiesn mit 3,5 Hektar und 45 zugelassenen Betrieben. Es geht also um weit mehr als "nur" die bekannten 14 großen und 21 kleinen Festzelte oder das Teufelsrad - dessen legendäre Besitzerin Betty Feldl, die seit dem Tod ihres Mannes 1970 das traditionsreiche Fahrgeschäft führt, heuer als Porträt auf dem Zinndeckel des Oktoberfest™ Sammlerkrugs geehrt wird.
Konkret geht es um:
Diese Werte sind einige der Projekt-KPIs, an denen sich die Abläufe während der Projektlaufzeit messen lassen. 2026 wird das erstmals in Echtzeit geschehen, da die Besucherzahlen auf der Wiesn live erfasst werden und somit die Besucherlenkung ermöglichen. Aus diesen Zahlen können zukünftige Lessons Learned für die nächste Iteration des Serienprojekts Oktoberfest im Jahr 2027 abgeleitet werden.
Nein, es ist nicht der Oberbürgermeister Krause und auch nicht der dienstälteste Wiesnwirt Wiggerl Hagn vom Löwenbräu, sondern Dr. Christian Scharpf mit seinem Festleitungs-Team. Er hat im März 2025 das Amt von seinem Vorgänger Clemens Baumgärtner übernommen und koordiniert gemeinsam mit dem Fachbereichsleiter André Listing nicht nur das Kernteam sondern auch hunderte externe Kräfte. So stößt ab Ende Juli beispielsweise der Oktoberfest-Bauhof hinzu, der das Ausmessen der Standplätze, den Aufbau der Stände und Toiletten und die Instandhaltungsarbeiten während des Fests übernimmt.
Das sind Arbeiten, die Wiesnbesuchern auffallen, was für die Aufgaben in der oben erwähnten Vergabe- und Beschaffungsphase nicht unbedingt der Fall ist. Und genau hier gab es für das Oktoberfest 2026 zwei Ereignisse mit weitreichenden Konsequenzen für die heurige und zukünftige Planung: die Eskalation rund um die Klage eines Münchner Gastronomens gegen die Vergabepraxis der großen Zelte einerseits und andererseits die Überfüllungssituation vom 3. Oktober 2025, die dazu führte, dass das Gelände zeitweise geschlossen werden musste und mehrere Menschen panische Anfälle erlitten.
Während die Klage zwar - Stand heute - noch nicht abschließend verhandelt wurde, aber der im Juni 2026 eingebrachte Eilantrag gegen die Vergabe scheiterte, konnte der Aufbau der Zelte entsprechend der Projektmanagement-Haltung "go/no-go trotz offener Eskalation" starten. Allerdings hatte die Klage zur Folge, dass der Vergabeprozess selbst zum Projekt-Risiko wurde: Das beschaffungsseitige Regelwerk mit Punktevergabe und Zustimmungsverfahren im Stadtrat geriet bei einem vom Gericht angesetzten Streitwert von rund 10 Millionen Euro pro Zelt unter die Lupe. Die Stadt als Projektsteuerer musste in einem laufenden Projekt auf ein externes Rechtsrisiko reagieren. Was sich wie ein bürokratischer Vorgang liest, ist in der Realität ein klassisches Szenario: Ein Stakeholder läuft den formellen Eskalationspfad durch, und das Projektteam muss gleichzeitig weiterplanen, weiterbauen und die Spielregeln nachschärfen – ohne zu wissen, wie die letzte Instanz entscheidet.
Die Überfüllungssituation aus dem Vorjahr wurde zur Grundlage für ein neues Sicherheitskonzept für 2026. Es wird sich nach dem Böllerschießen an der Bavaria am 4. Oktober zeigen, ob es als Best-Practice-Beispiel für ein gelungenes Lessons-Learned Management in die Projektmanagement-Bücher eingehen wird. Aber schon jetzt kann man sagen, dass die Ereignisse von 2025 nicht einfach abgehakt wurden, sondern systematisch in die Planung für 2026 übernommen wurden. So werden KI-gestützte Kameras eingesetzt, um überfüllte Zonen in Echtzeit zu erkennen und frühzeitig Besucher umzuleiten. Das Barometer auf der oktoberfest.de-Webseite zeigt an, wie viel gerade los ist, sodass man schnell erkennt, ob der Besuch ein Bummel oder ein Gedränge wird. Die Kampagne "How to Wiesn" soll mit verschiedenen Anreizen für Besucher dazu führen, das Gedränge auf dem Festgelände zu entzerren. Festzelte starten mit der Blasmusik bereits um 11 Uhr bzw. 10 Uhr am Wochenende, um Besucher früher anzulocken, und die 10 goldenen Regeln sollen für einen entspannten Wiesn-Besuch sorgen.

Die Wiesn weist also eine klare Governance-Struktur auf: an der Spitze steht der Wiesnchef Dr. Christian Scharpf, der die Gesamtverantwortung trägt. Für Genehmigungen und den Betrieb ist als Ausführungsorganisation der Fachbereich Veranstaltungen des Referats für Arbeit und Wirtschaft (RAW) der Landeshauptstadt München unter der Leitung von Andé Listing zuständig. Die politische Ebene bilden der Oberbürgermeister Dominik Krause und die Dritte Bürgermeisterin Verena Dietl, die Neuigkeiten vorstellen und die Städtische Aufsicht innehaben. Polizei, BRK und Feuerwehr bilden zusammen mit zuständigen Personen aus dem KVR, dem RAW und der Stadtwerke München (SWM) einen Koordinierungskreis, der als Lenkungsausschuss die Einsatzplanung und Risikobewertung koordiniert und in akuten Lagen die Entscheidungen trifft.
Doch nicht nur die Wiesn an sich muss organisiert werden. Auch Höhepunkte wie die Festzüge müssen vorab detailliert geplant werden – als eigenständige Teilprojekte neben dem Hauptprojekt. Dafür ist der Festring München e.V. zuständig.
Am Eröffnungstag findet traditionell der Einzug der Festwirte und Brauereien statt: Die Kutschen mit den Wirten der Festzelte, die Wagen der Schausteller und die geschmückten Gespanne der Münchner Brauereien ziehen hinter dem Münchner Kindl und dem Oberbürgermeister von der Sonnenstraße auf die Theresienwiese. Punkt 12 Uhr eröffnet der Münchner Oberbürgermeister – 2026 erstmals Dominik Krause – die Wiesn mit dem traditionellen „O'zapft is! Auf eine friedliche Wiesn!". Wir werden sehen, ob er so versiert im Umgang mit dem Schlegel ist wie sein Vorgänger und den Wechsel mit einem Schlag in den Hirschen haut.

Am ersten Wiesn-Sonntag, dem 20. September, folgt der Trachten- und Schützenzug: Der Festring wählt jährlich rund 9.000 Teilnehmer aus Bayern, anderen Bundesländern und dem nahen Ausland aus – Trachten- und Musikgruppen, Sport- und Gebirgsschützen, Spielmanns- und Fanfarenzüge und Fahnenschwinger.
Wie bei jedem Serienprojekt stecken auch in der 191. Auflage wieder Neuerungen:
Denn selbst wenn Innovationen die Lust auf Neues in uns Menschen befriedigt, stiften langlebige Traditionen Verbundenheit. Die ältesten Fahrgeschäfte auf der Wiesn gehen auf das 19. und frühe 20. Jahrhundert zurück, wie beispielsweise die Hexen-Schaukel auf der Oide Wiesn. Die Illusionsschaukel kam im Jahr 1894 aus den USA nach Deutschland und wird seitdem jedes Jahr auf dem Oktoberfest aufgestellt.
Auch die Krinoline, in der man auf der Wiesn seit 1924 in Sofa-Gondeln, begleitet durch eine Blaskapelle, gemütlich seine Runden fährt, hat bereits mehr als 100 Jahre auf dem Buckel.
Mit Teufelsrad und Toboggan kommt Schwung in die Tradition, und das schon seit dem frühen 20. Jahrhundert. Auch wenn sich 2026 die Figuren des Teufelsrads etwas wärmer anziehen mussten - was auf dem CSD durchgeht, scheint für die Wiesn nicht angebracht - so darf davon ausgegangen werden, dass das die Besucher nicht davon abhalten wird, sich scharenweise auf der drehenden Plattform gegen die Fliehkräfte zu wehren. Und dass der Toboggan am meisten Spaß macht, wenn man nicht drauf geht, sondern zuschaut, wie es die Leute beim Versuch auf dem Förderband nach oben elegant dazustehen stattdessen auf den Allerwertesten setzt, ist seit 1933 allseits bekannt.
Auch wenn es zum Zapfenstreich am 4. Oktober um 23:30 Uhr heißt "Aus is und gar is, und schad is, dass's wahr is!" ist das Projekt Wiesn 2026 dann noch nicht zu Ende: Der Oktoberfest-Bauhof baut das gesamte Festgelände wieder ab, die Betriebe werden abgerechnet, die Fundinventur und die Pressebilanz erstellt. Und die Erfahrungen der 16 Tage fließen in die Planung der Wiesn 2027 ein. Wie bei jedem wiederkehrenden Projekt endet es also nicht mit dem Projektabschluss, sondern dieser ist der Startschuss für die nächste Iteration.
Dieser kurze Blick hinter die Kulissen des Großprojekts Oktoberfest zeigt: Hinter der scheinbar mühelosen Mischung aus Maß Bier, Dirndl und Lederhosen steckt ein Serienprojekt, das sich seit 1810 permanent weiterentwickelt. Der Überfüllungs-Vorfall 2025 und die darauf folgende Sicherheits-Transformation – von der neuen Zentrale bis zu den KI-Kameras – zeigen, wie stark eine professionelle Lessons-Learned-Kultur ist: Probleme werden nicht bagatellisiert, sondern in messbare Gegenmaßnahmen überführt. Und an der reibungslosen Zusammenarbeit zwischen dem Organisationsteam, den SWM, der Polizei, dem Bayerischen Roten Kreuz, den Festwirten, den Schaustellern und vielen weiteren Beteiligten können wir uns ein Beispiel für exzellentes Projektmanagement, Stakeholder-Kommunikation und Team-Work in Projekten nehmen.
Viel Erfolg bei der Durchführung, liebe Wiesn-Crew! Die InLooxianer*innen freuen sich auf ein Prosit der Gemütlichkeit!
Quellen:
oktoberfest.de - Die offizielle Seite der Stadt München zum Münchner Oktoberfest auf der Theresienwiese
hexenschaukel.de - Tradition trifft Illusion | Historisches Fahrgeschäft auf dem Oktoberfest
SZ – Gericht bestätigt vorläufig Zeltvergabe-Praxis der Stadt
BR24 – Münchner Fest oder EU-Sache? Prozess um Wiesnzelt-Vergabe