„Das Ende allen Projektmanagements“

Einen ganz guten Einblick in die Argumentation des Buches bietet diese Leseprobe sowie dieser Blogbeitrag

Sonja Radatz erklärt in 10 Thesen, warum sie Projektarbeit schädlich findet. Unter anderem ist sie der Auffassung, dass Projektmanagement Verantwortungen und die Ergebniserzielung verwische und zur Vernichtung teurer und wertvoller Arbeitszeit, von Eigenverantwortung und Innovation beim Individuum führe.

[Projekte] dominieren die tägliche Arbeit, zementieren uns in unzähligen Meetings ein und sorgen dafür, dass wir nur noch unzulänglich zu unserer „richtigen” Arbeit kommen. Dabei kann man auf Projekte leicht verzichten, so eine der Aussagen.

Der Gegenentwurf zum Projektmanagement bestehe laut Sonja Radatz in einer funktionierenden relationalen Organisation, in der neue Vorhaben im Rahmen des Tagesgeschäfts der zuständigen Abteilung umgesetzt werden. Darüber hinaus regt sie an, nur noch mit reiner Ergebnisverantwortung zu arbeiten und nicht mehr mit Zuständigkeiten, Aufgaben und Stellenbeschreibungen.

Eine solche Polemik eignet sich natürlich immer hervorragend zu PR-Zwecken. Dass dieses Mittel funktioniert, zeigt nicht zuletzt dieser Blogbeitrag. Doch das Buch findet nicht zuletzt deshalb viel Resonanz, weil in vielen Projekten tatsächlich vieles im Argen liegt und es viele frustrierte Projektmitarbeiter gibt, bei denen Sonja Radatz offene Türen einrennt.

In einigen Projekten ist es leider Realität, dass Stunden, Tage und Wochen in Meetings ohne echte Ergebnisse verschwendet werden und die Mitarbeiter oft förmlich zwischen Projekt und Linie zerrissen werden. Und natürlich gibt es diese Projekte, die von vorne herein nie das Ziel der Wertschöpfung hatten, sondern die allein aus unternehmenspolitischen Gründen ins Leben gerufen wurden – zum Beispiel, um ein Vorhaben ganz bewusst scheitern zu lassen.

Doch einige der impliziten Annahmen des Buches erscheinen fragwürdig. Sonja Radatz geht bei ihren Ausführungen immer von falsch motivierten Projekten und schlechtem Projektmanagement aus. Doch bloß weil eine Methode oder Arbeitsform auch falsch angewendet werden kann, ist sie nicht per se überflüssig. Autos werden ja auch nicht verboten, bloß weil es schlechte Autofahrer gibt. Sonja Radatz übersieht die vielen Projekte, die erfolgreich beendet werden und die maßgeblich die Innovationskraft und die Wertschöpfung im Unternehmen stärken.

Außerdem wird es in Unternehmen immer wieder neuartige Aufgabenstellungen geben, die nicht ausschließlich im Rahmen des Tagesgeschäfts bearbeitet werden können, weil sie eine abteilungs- oder sogar unternehmensübergreifende Zusammenarbeit erfordern. Gerade in solchen Situationen ist es hilfreich, wenn ein Unternehmen bereits einen verlässlichen Projektmanagement-Werkzeugkasten hat und Verantwortlichkeiten klar geregelt sind. Projekte gehen ja auch oft deshalb schief, weil es keine klaren Zuständigkeiten gibt. Die Mitarbeiter mit der reinen Ergebnisverantwortung alleine zu lassen, ohne ihnen geeignete Methoden und Wege an die Hand zu geben, wie sie diese Ergebnisse erreichen können, klingt nach einer Überforderung im Arbeitsalltag.

Um also gleich das Ende allen Projektmanagements auszurufen, bedarf es doch besserer Argumente, als sie Sonja Radatz zum jetzigen Zeitpunkt bringen kann.